Tänzelnde Leichtigkeit

Samstag, 6. Juni 2020 | Autor:

Foto: Sascha Radke/Eventpress

Es gibt unter den Weinfreaks im Internet viele, die alles besser wissen. Und manche, die es gerne besser wissen möchten. Letztere nehmen auch Erklärungen von der „falschen“ Seite an, setzen sich damit sachlich auseinander und sind bereit, ihr Weinweltbild zu erweitern. Die Besten besitzen außerdem eine Portion Selbstironie die sie davor bewahrt, ihre eigene Sichtweise zu ernst zu nehmen.

Felix Bodmann ist einer von diesen wenigen und ich kenne ihn schon seit der Zeit, als er noch als privater Weinfreund in diversen Weinforen unterwegs war. Mittlerweile ist er eine fixe Größe in der Weinwelt. Als „Schnutentunker“ bloggt er regelmäßig, er betreibt eine Web-Weinschule, schreibt für Weinmagazine, ist Juror bei Weinwettbewerben und macht einen Wein-Podcast mit dem Titel „Blindflug“.

In dessen aktueller Ausgabe beschreibt Felix recht schön wie und woher er sein Wissen über die Weinherstellung hat und dabei spielt mein Blog auch eine gewisse Rolle (ab 11.40):

Mindestens genauso wie über das Lob für meine Texte freue ich mich über die Einschätzung meines Cabernet Sauvignon 2005, den ich ihm ausgesucht habe, nachdem er mich um eine Flasche Cabernet für den Podcast gebeten hatte. „Gerne auch ein nicht aktueller Jahrgang“, hatte er geschrieben.

Besonders spannend finde ich die „tänzelnde Leichtigkeit“, die er darin findet – ausgerechnet in meinem kräftigsten, am stärksten vom Ausbau in Barriques beeinflussten Wein! Die meisten Weinbauern würden sich darüber wohl ärgern oder zumindest den Kopf schütteln ob dieser Missachtung der eigenen Anstrengungen, so viel wie möglich in die Flasche zu packen. Mich hingegen freut es sehr, dass mein Cabernet mit Leichtigkeit tänzelt.

Zugegeben, das war nicht immer so. In den Anfangsjahren meiner Kellermeistertätigkeit habe ich immer wieder versucht, unsere (Rot-)Weine wuchtiger, üppiger und spektakulärer zu vinifizieren.

Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Zweigelt-Charge die wir auf mein Drängen hin bewusst nahe an der Überreife gelesen haben und die einen dementsprechend hohen Alkoholgehalt hatte. Dazu kamen dann zusätzlich noch viele der bekannten Möglichkeiten um den Wein fetter zu machen: Saftabzug von der Maische vor der Gärung, hohe Gärtemperatur für besonders intensive Extraktion, neue Barriques aus der süßlicher wirkenden amerikanischen Eiche, Enzyme zur Extraktion von fülleverleihenden Mannoproteinen aus dem Hefedepot, niedriger Säuregehalt, relativ oxidative Reifung.

Am Ende war der Wein dann nicht schlecht, vielleicht ein bisschen üppiger als die anderen Chargen. Die beabsichtigte fette Wuchtbrumme war er aber bei weitem nicht. Und weil das kein Einzelfall war, habe ich über die Jahre lernen müssen, damit umzugehen, dass ich offensichtlich kein Talent für dicke Dinger habe. Dass meine Weine meist schlanker wirken, als die vieler Kollegen.

Leicht war das nicht, denn bis heute landen selbst die besten Weine dieses Stils bei Blindverkostungen, Wettbewerben und in Weinmedien meistens in der Liga „sehr gut, aber für die absolute Spitze fehlt der letzte Druck“. Für ehrgeizige, aber nicht besonders selbstbewusste und deshalb nach medialer Bestätigung suchende Nachwuchsweinbauern nicht gerade erbaulich.

Schließlich habe ich aber festgestellt, dass gar nicht so wenige Leute gibt, die beim Wein die Eleganz bevorzugen. Denen es mit den üppigen Hochprozentern so geht wie mir und wie es mein Vater gerne beschreibt: „Zweifellos ein Spitzenwein, aber zu zweit an einem Abend mit dieser Flasche ist man ein armer Hund.“ (Weil man nach einem Glas satt ist, die Flasche nicht leer wird und man sich nach einem leichten Weißwein, einem Gespritzten oder gar einem Bier sehnt.)

Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass ich hier argumentiere wie der Fuchs mit den Trauben. Zumindest dass es mir nicht liegt, fette Weine zu keltern ist immerhin empirisch erwiesen.

Wahrscheinlich spielen Boden und Klima eine gewisse Rolle. Die meisten unserer Lagen haben keinen besonders hohen Lehmanteil und in Verbindung mit der Dauerbegrünung führt das wohl zu etwas niedrigeren Extraktwerten. Auch an den Sorten kann es liegen, insbesondere daran, dass ich Merlot nicht mag, mit dem sogar ich ziemlich sicher mehr Schmalz in unsere Weine bringen würde. Indiz dafür ist ein merlotbetonter Wein, den ich vor ein paar Jahren einem Kollegen aus einem anderen Weinbaugebiet aus seinen Trauben vinifiziert habe. Der war so ganz anders als unsere Sorten obwohl ich vom Presshaus an nichts anders gemacht hatte.

Den größten Anteil hat aber wohl meine über die Jahre gewachsene Weigerung dem Talent unserer Trauben für zarte Weine im Keller entgegenzuarbeiten. Ich vermeide all zu späte Lese mit Überreife, fahre bewusst die Säurewerte nicht tief nach unten, peppe nicht mit Gummi arabicum auf, verwende keinen besonders großen Anteil an neuen Barriques und arbeite reduktiv genug, um Oxidation zu vermeiden, die zwar Weichheit und Fülle bringen kann, aber immer Fruchtaromen kostet.

Am Ende steht dann im besten Fall ein Cabernet, der obwohl aus einem höchstens durchschnittlichen Jahrgang, nach 15 Jahren mit tänzelnder Leichtigkeit dazu animiert, sich selbst bei einer Podcast-Aufnahme schnell noch ein zweites Glas einzuschenken.

Anders als der Fuchs in der Fabel bleibe ich mit dieser Art von Kompliment nicht nur aus Verlegenheit am Boden, sondern überlasse die hoch hängenden Wein-Kraftprotze gerne anderen.

Thema: Im Glas und drumherum | Ein Kommentar