Die erste Woche

Sonntag, 20. September 2020 | Autor:

Die erste Lesewoche liegt hinter uns. Teile unseres Grünen Veltliner, Chardonnay, Muskat Ottonel und Zweigelt sowie die gesamte kleine Menge Welschriesling, die wir noch haben sind im Keller.

Anders als für Mitte September erhofft, war es zumindest bis Donnerstag recht heiß und nach der Abkühlung mit etwas Regen steigen die Temperaturen jetzt wieder bis weit in die nächste Woche an. Das ist zwar anstrengend für die Lesehelfer, aber dafür ist wenigstens kein weiterer Regen in Sicht.

Den brauchen wir nämlich nicht, denn schon diese Woche hat sich gezeigt, dass der Niederschlag Ende August – vermutlich teilweise in Verbindung mit Schäden durch Wespen und die Kirschessigfliege – in einzelnen Weingärten zu kleinen Fäulnisnestern in den Trauben geführt hat. Unser tolles Leseteam hat das zwar gut im Griff, aber natürlich ist das Aussortieren anstrengend und kostet Zeit.

Insgesamt sind wir aber bisher sehr zufrieden. Die Reife ist gut, der Lesetermin und die bisherige Reihenfolge dürften passen. Es sieht fast so aus, als ob uns der Weinjahrgang für das sonst so schwierige Jahr 2020 entschädigen wollte.

Ein ganz, ganz großes Dankeschön an unsere hochmotivierte Crew: Laci und Andrea, Toni und Angela, Sorin, Erik, Elisabeth und Judit, Anna und Felix, Viktoria, Birgit, meinen Vater Gerhard als Organisator im Weingarten und meine Mutter Elfi für die Verpflegung der ganzen Partie und die Logistik zu Hause.

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Vielversprechend

Sonntag, 13. September 2020 | Autor:

Am Vorabend der Weinlese herrscht immer eine ganz besondere Stimmung. Vorfreude, gespannte Erwartung, ein wenig Unsicherheit, ob der Termin der richtige ist und bei den Vorbereitungen nichts vergessen wurde. Heuer kommen dann noch die besonderen Umstände der Corona-Pandemie dazu und die Sorgen angesichts der wieder deutlich steigenden Zahlen.

Trotzdem gehen wir mit großer Hoffnung in die Ernte und werden versuchen, uns vorerst keine Gedanken darüber zu machen, wie es später mit dem Verkauf der in den kommenden Wochen gelesenen Weine aussehen wird. So vielversprechend wie sich die Trauben präsentieren hat sich der Jahrgang 2020 das verdient.

Bis auf wenige Ausnahmen sind die Trauben noch sehr gesund und haben jetzt die richtige Reife. Die vereinzelten Fäulnisnester nach den beiden Regenfällen vor gut zwei Wochen kann unser motiviertes Leseteam sicher gut aussortieren und ein weiterer Regen ist zumindest derzeit nicht in Sicht.

Die nächsten Wochen sind die anstrengendsten des ganzen Weinjahres, in denen man mitunter an die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit gerät. Trotzdem ist heute für mich ein Tag der Freude:

Morgen beginnen wir mit der Lese 2020!

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Einen anderen Herrgott

Samstag, 12. September 2020 | Autor:

Die letzten Wochen waren geprägt von den Lesevorbereitungen in Presshaus und Keller und von der genauen Beobachtung des Reifeverlaufes unserer Trauben. Letztere bildet die Grundlage für den Lesebeginn und die Reihenfolge der Ernte und ist heuer auf ganz andere Art wichtig als in den letzten Jahren.

In den vergangenen Hitzejahren ging es vor allem darum, nicht zu spät mit Überreife, zu hohem potentiellen Alkoholgehalt und zu wenig Säurestruktur zu ernten. 2020 hingegen sind die Reifemessungen wichtig, um nicht ungeduldig zu werden, sondern lange genug auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.

Kontrollen dieser Art sind noch gar nicht so lange üblich. Noch in den 1980ern ernteten die meisten Weinbauern, wenn alle anderen auch ernteten, denn die Bedeutung der Reife auf Weinqualität und -stil war kaum bekannt oder egal. Außerdem wurden fast alle Weingärten ident so wie immer bewirtschaftet, weshalb es kaum Reifeunterschieden zwischen den Betrieben gab.

Seither hat sich die Weingartenbearbeitung jedoch sehr individualisiert. Unterschiede in Ertragsniveau, Blattfläche pro Stock, Bodenbearbeitung, Laubarbeit und viele anderen Faktoren führen zu deutlich voneinander abweichenden Reifekurven. Zusammen mit stärker differierenden Vorstellungen der Weinbauern vom angestrebten eigenen Weinstil führt das zu einem deutlich weniger einheitlichen Lesebeginn als noch vor 20 Jahren.

Obwohl das mittlerweile allen Kollegen bekannt sein sollte, werden deutlich von den eigenen Messungen abweichende Zuckergrade als Reifeindiz auch heute noch genauso angezweifelt wie früher. Gibt jemand an, seine Trauben hätten um ein, zwei Grad KMW mehr heißt es schnell verächtlich zweifelnd, er müsse wohl einen anderen Herrgott haben (sprich: sein Wert ist gelogen, weil er ja das gleiche Wetter hat wie alle anderen).

1993 durften mein Vater und ich uns das von sehr vielen Seiten anhören, als wir unsere ausgiebigen Messungen im Schaukasten des Weinbauvereines dem ganzen Ort – als Orientierungshilfe für den Lesebeginn gedacht – zugänglich machten. Deshalb diskutieren wir unsere Ergebnisse seither nur mehr mit wenigen gleichgesinnten Kollegen und halten uns sonst eher zurück.

Am Ende muss ohnehin jeder selbst wissen, was er tut. Und heuer führt das ungewohnter Weise dazu, dass wir, die wir fast immer früher dran waren als die meisten anderen im Ort ein paar Tage später mit der Weinlese beginnen.

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