Die Macht von Medien und Zahlen, Teil 1

Sonntag, 12. November 2006 |  Autor:

Zweifellos gibt es Medienberichte, die ähnlich sorgfältig gemacht sind, wie guter Wein. Als optimistischer Mensch gehe ich sowohl beim Wein als auch beim Journalismus davon aus, daß es sich um die überwiegende Mehrheit handelt.

Wird ein Wein bewußt oder aus Schlampigkeit unsauber hergestellt, kann das (fast) jeder schmecken. Wenn hingegen journalistisch geschlampt wird, ist das für den Zuseher/Hörer/Leser nur in jenen Teilbereichen erkennbar, in denen er selbst kompetent ist. Die Mehrzahl der Medienkonsumenten kann den Wahrheitsgehalt eines Beitrages nicht einschätzen. Aber selbst wenn man Medienberichten skeptisch gegenübersteht, läßt sich nicht verhindern, daß man von ihnen beeinflußt wird. Latente Vorurteile werden bestätigt, das Konsumverhalten verändert und das Mißtrauen gegenüber allem und jedem befördert.

Umstrittene Berichte wie dieser im ARD, der nach Meinung von Winzern, Journalisten und Bloggern Statistiken falsch zitiert, schaden nicht nur dem Ansehen des Journalismus, sondern natürlich auch und vor allem dem der Winzer.

Nicht das ich etwas gegen kritische Berichterstattung hätte. Es gibt genügend Aspekte der Weinwelt, die diskussionswürdig sind. Aber wenn 20% der Proben, die wegen eines begründeten Verdachtes untersucht wurden, fehlerhaft sind, entspricht das eben nicht 20% aller Weine eines Gebietes und sollte daher auch nicht so dargestellt werden. Auch dann nicht, wenn es so besser in den Bericht paßt.

Tatsächlich sind es nämlich nicht 20%, sondern 4,5% wie hier sehr gut dargestellt wird. Zieht man davon geringfügige Vergehen wie Verstöße gegen die Etikettierungsvorschriften ab, bleiben 1,4% „echte“ Panschereien übrig, wie hier zu lesen ist. 

Auch wenn der Bericht in diesem oder jenem Forum ausführlich und kritisch diskutiert wird, der Image-Schaden für die Weinwirtschaft ist nicht mehr rückgängig zu machen. Wenn sogar Weinjournalisten, die es eigentlich besser wissen müßten, in einem ersten Reflex keinerlei Zweifel haben, daß die Zahlen stimmen (erster Kommentar zu diesem Beitrag), kann man sich vorstellen, für wie glaubhaft sie erst der Otto-Normalwein-Trinker halten muß. Der hat nämlich weder Zeit noch Lust, sie via Recherche zu überprüfen und seine Meinung zu revidieren (Kommentar vier, ebendort).

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Thema: Wein-Medien-News

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3 Kommentare

  1. Gute Frage, warum ich keine Zweifel hatte. Das liegt daran, dass es sich um die offizielle Pressemitteilung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt gehandelt hat. So etwas gilt im journalistischen Alltag als seriöse Quelle. Nachdem mir die Pressestelle bestätigt hatte, dass es sich um authentische Zahlen der LUA handelt, hatte ich tatsächlich keine Zweifel mehr. Inzwischen hatten grössere und gewichtigere Redaktionen als mein Ein-Mann-Betrieb bereits reagiert und die Meldung veröffentlicht. Klar hätte ich über das Wort „Glycerin“ stolpern müssen. Bin ich aber nicht. ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass der Chefreporter einer ARD-Anstalt derart gewissenlos Statistiken umdeutet um sie für seine Zwecke passend zu machen und dass das die Redaktion einer als seriös geltenden Pressestelle passieren kann. Daraus und aus der Tatsache, dass der SWR bislang die Meldung nicht zurückgezogen hat, resultiert für mich, dass dieser Sender und seine Pressestelle künftig für mich nicht mehr zu den seriösen Nachrichtenquellen zählen.

  1. […] Wie ich schon vor einiger Zeit unter “Die Macht von Medien und Zahlen 1, 2 und 3” berichtet habe, ist der Umgang mit Statistiken und Zahlen nicht unproblematisch. In seinem heutigen Kommentar in der Wiener Zeitung bringt es Andreas Unterberger auf den Punkt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. […]

  2. […] Bernhard Fiedler – Die Macht von Medien und Zahlen Teil 1 […]

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