Blindverkoster sind auch nur Menschen (6)

Mittwoch, 1. April 2009 |  Autor:

Auch die geübtesten (Blind-)Verkoster sind nur Menschen. Und den besten von ihnen ist immer bewußt, dass irren zum Menschsein dazugehört und es in (Wein-)Geschmacksfragen niemals eine richtige, eine alleingültige Meinung geben kann.

Verkostungserlebnisse, die mich daran erinnern, zählen deshalb zu meinen wichtigsten Erfahrungen:

Einige Lehren und kein Ergebnis

Vergangene Woche haben wir im Rahmen einer Veranstaltung unseres Weinbauvereines versucht, die heimischen Rotweinprämierungen des Jahrgangs 2006 teilweise nachzustellen. Und wie bei einer derart hochrangigen Besetzung nicht anders zu erwarten, war es ein wirklich spannender Abend.

Wer aber auf ausgeklügelte Beschreibungen oder gar Punktebewertungen hofft, den muß ich leider enttäuschen. Beides habe ich zwar mehr oder weniger ausführlich und erfolgreich versucht, die aufschlußreichsten Erfahrungen des Abends liegt aber für mich ganz wo anders:

1.

Reihungen und Bewertungen von Weinen im obersten Qualitätsbereich sagen mehr über die Bewerter aus, als über die Weine.

Die Differenzen zwischen unserer Einschätzung und den Bewertungen der verschiedenen Fachmedien lassen den Schluß zu, dass Modeströmungen und die persönlichen Vorlieben der Verkoster, Verkostungsmodalitäten (wie Zeitpunkt und Reihung) und die individuelle Verwendung ein und desselben Punkteschemas einen größeren Einfluß auf das Endergebnis haben, als die Weine selbst.

Polemisch formuliert könnte man auch sagen, dass ein Würfeln der Ergebnisse der Spitzenweine ein ebenso „richtiges“ und „gerechtes“ Ergebnis erbringen würde, wie das Verkosten. (Wobei natürlich die Frage offen bleibt, ob und wie man die Spitzenweine von den gehobenen Durchschnittsweinen trennen kann.)

Manche Verkoster sehen in dieser Aussage vielleicht das Eingeständnis mangelnden Könnens und werden sie weit von sich weisen, die meiner Meinung nach guten Sensoriker trachten aber danach, diese Selbstzweifel nie vollig abzulegen.

2.

Es gibt ein Rezept für Siegerweine. Zugegeben, es ist nicht todsicher, aber wie auch unsere Verkostung gezeigt hat, funktioniert es doch gar nicht so selten.

Man nehme einen Wein guter Ausgangsqualität mit kräftigem Geschmack, Körper und Alkohol und trimme ihn gekonnt mit Holzeinsatz, Tannin-, Säure- und Restzuckermanagement. Keine Angst, wenn es „gut“ gemacht ist, darf das Endprodukt ruhig etwas „gemacht“ wirken, denn das Ziel ist nicht die höchste Wertung jedes einzelnen Jurymitgliedes.

Siegerweine erhalten nämlich mitunter von keinem einzigen Juror seine persönlichste Höchstnote, zum Sieger macht sie der beste Punktedurchschnitt. Und den bekommt man nicht selten angesichts Punkt 1 leichter mit einem auf hohen Niveau „gemachten“ Wein, dem alle Verkoster die zweit- oder dritthöchste Bewertung geben, als mit einem herausfordernden Star, den erst seine Widersprüche, seine Ecken und Kanten zu einem solchen machen.

Den heben nämlich zwar einzelne Degustatoren in den Himmel, die Mehrzahl bleibt aber vorsichtshalber bei den niedrigeren Punkten und ebnet ihm damit den Weg in die solide Mittelklasse (wo er nun überhaupt nicht hingehört).

Hier gehts zu Teil 1 mit Links zu allen Folgen. Und hier die Liste der verkosteten Weine:

Titan 2006, Weingut Tesch, € 33,50

Blaufränkisch Spitzerberg 2006, Weingut Trapl, € 22,-

Blaufränkisch Chevalier 2006, Weingut Iby, €15,-

Blaufränkisch Reserve 2006, Günter Triebaumer, € 19,-

Syrah 2006, Weingut Gager, €29,-

Syrah 2006, Winzerhof Schindler, € 18,-

Cuvée d´Or 2006, Weingut Franz Schindler, € 23,-

Caro 2006, Weingut Franz Sommer

Pannobile 2006, Weingut Gernot Heinrich, € 21,60

Bela Rex 2006, Weingut Gesellmann, € 30,-

Merlot 2006, Weingut Scheiblhofer, € 21,-

Merlot Reserve Dornfeld 2006, Johanneshof Reinisch, € 18,-

Merlot Schneiderteil 2006, Weingut Esterhazy, € 23,-

Blaufränkisch Hochberc 2006, Weingut Gesellmann, € 32,-

Schönberger Rot (BF) 2006, Weingut Schönberger, € 29,-

Blaufränkisch Quintus 2006, Weingut Iby, € 25,-

Rosenberg 2006, Weingut Gerhard Markowitsch, € 27,-

Gabarinza 2006, Weingut Gernot Heinrich, € 33,-

Altenberg 2006, Weingut Franz Sommer

Cabernet Sauvignon 2006, Weingut Scheiblhofer, € 21,-

Cabernet Sauvignon 2006, Weingut Franz Schindler, € 19,-

Cabernet Sauvignon 2006, Weingut Grenzhof-Fiedler, € 16,-

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Thema: Im Glas und drumherum

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4 Kommentare

  1. 1
    bf 

    Weinakademiker-Kollege Johannes Fiala erläutert das unter Punkt 2 dargestellte Phänomen in einem auch mit Rechenbeispielen gespickten Fachartikel in der aktuellen (und online nur für Abonennten verfügbaren) Ausgabe der Zeitschrift „Der Winzer“ unter anderem folgendermaßen:

    In der Regel gewinnen dann brave, unspektakuläre Weine von überdurchschnittlicher Qualität, die in allen Belangen in Harmonie zueinander stehen und zusätzlich das Glück haben, zum Zeitpunkt des Verkostens bei keinem Mitglied der Kostkommission auf Ablehnung zu stoßen….Bei Bewerben mit einem Finale, wo die höchstbewerteten Weine der Vorrunde von einer anderen Jury nochmals verkostet werden, um den Sieger zu küren, verstärkt sich dieser Nivellierungseffekt.

    Und seine Einleitung des Artikels mit dem Titel „Warum gewinnt gerade dieser Wein?“ paßt wunderbar zu meinem Punkt 1:

    Selbst ich als engagierter Verkoster, der die Sinnhaftigkeit von Weinwettbewerben keinesfalls in Frage stellen will, muss zugeben, dass neben entsprechender Qualität eine gehörige Portion Glück dazugehört, bei einer Blindverkostung durch eine Kosterjury als Sieger hervorzugehen.

  2. 2
    latour 

    Hi,

    die Weine dieser Liste klingen für mich sehr interessant.
    Gibt es nähere Verkostungs-Details zu den einzelnen Weinen?

    lg

  3. 3
    pasta 

    Hallo Bernhard!

    Mit diesem Beitrag hast du dir bestimmt ein paar sehr gute neue Freunde geschaffen ;-( , entspricht aber meiner bescheidenen Erfahrung ….

    Beste Grüße Pasta

  4. 4
    bf 

    @Latour:

    Mit Verkostungsdetails kann bzw. will ich leider nicht dienen.

    Ich weiß selbst nicht genau warum, aber Berufskollegen, die ich mehr oder weniger gut kenne bzw. die aus meinem unmittelbaren Umfeld stammen möchte ich meine Meinung über ihre Weine nicht öffentlich via Internet ausrichten.

    Ich sage sie ihnen bei Gelegenheit lieber persönlich, oder behalte sie für mich.

    Auffallend war, dass der Falstaffsieger doch relativ weit vom Mainstream entfernt ist. Und dass die Jury aus überwiegend Mörbischer Weinbauern im Durchschnitt blind drei Weine aus unserem Heimatort unter die ersten vier gereiht hat.

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