Capreolus capreolus

Donnerstag, 19. April 2007 |  Autor:

Unter diesem unscheinbaren Doppelnamen verbirgt sich der um diese Jahreszeit gefährlichste Schädling der Weinrebe: Das Reh.

Bis vor wenigen Jahren war das Reh in unseren Ertragsweingärten kein wirklich gefährlicher Gegner. Wildfraß von Rehen und Hasen gab es nur an bodennahen, neugepflanzten Reben im ersten oder zweiten Standjahr.

Aber seit Mitte der 1990er stellt der Fraßschaden, den die Rehe in Ertragsweingärten an den austreibenden Knospen hervorrufen eine ernstzunehmenden Schaden dar.

Die Rehe lieben die jungen Triebe und Blätter. Dort wo sie nachts fressen, bleiben an den Fruchtbögen meist nur kurze Stummel der grünen Triebe zurück. Der Rebstock treibt nach einem derartigen Schaden zwar erneut aus, aber die Triebe aus den sogenannten Beiaugen haben meist keine Trauben und sind wegen ihres Vegetationsrückstandes für eine neuerliche Fraßattacke sehr anfällig.

Während nämlich die unbeschädigten Triebe rasch weiterwachsen und damit in wenigen Wochen aus der Gefahrenzone sind (die Rehe sind Feinspitze und bevorzugen die Triebspitzen), hinken die Triebe aus den Beiaugen im Wachstum hinterher und sind auch noch Ende Mai für die Rehe erreichbar.

Rehe sind wählerisch!

Nicht alle unsere Weingärten werden von den Rehen in Mitleidenschaft gezogen. Besonders betroffen sind solche, die

  • am Waldrand und/oder an besonderen Wildwechseln liegen.
  • die eine qualitätsfördernde niedrigere Erziehungsform aufweisen. Offensichtlich sind die Rehe sehr bequeme Tiere und nehmen ihr Abendessen am liebsten ohne sich bücken oder strecken zu müssen zu sich.
  • mit frühaustreibenden Sorten bepflanzt sind. Bis endlich der späte Cabernet aus den Knospen kommt, gibt es wohl genug andere schmackhafte Nahrung für die Tiere. Den frühen Blaufränkisch (und andere), lassen sich die Rehe aber nicht gerne entgehen.
  • Was tun?

    Neben dem Wildern (um den überhöhten Rehbestand zu normalisieren) gibt es auch andere Bekämpfungsstrategien:

  • Schutzzäune aus Maschendraht oder elektrische Weidezäune bieten wahrscheinlich den besten Schutz. Wirklich einsetzbar sind sie aber nur bei relativ großen und eher isoliert liegenden Parzellen. In unserem Fall ist eine Einzäunung unserer Weingärten oder ganzer Rieden nicht durchführbar.
  • Ein spätes Anbinden der Fruchtruten führt dazu, daß diese während der gefährlichen Phase nicht waagrecht in optimaler Höhe, sondern senkrecht und damit zum Teil zu hoch für die Tiere sind. Da die Rehe zumindest die oberen Knospen nicht erreichen können, läßt sich der Schaden so verringern. Dafür ist das späte Anbinden der schon deutlich ausgetriebenen Fruchtruten eine sehr heikle Sache. Oft brechen dabei mehr junge Triebe ab, als die Rehe wahrscheinlich gefressen hätten.
  • Mit verschiedenen Duftquellen lassen sich die Rehe mehr oder weniger zuverlässig aus dem Weingarten fernhalten. Manche Winzer schwören auf Menschenhaare, andere auf Schaffelle, wieder andere auf Lösungen, die stark nach Rauch und Teer riechen. Relativ wirksam, wenn auch nur sehr kurzlebig sind parfümierte Harnsteinlöserkugeln in alten Damenstrümpfen. Und der Gestank von schlecht verrottetem, vermoderndem Kompost wird von Rehen auch eine Zeit lang gemieden.
  • Seit einigen Jahren bekämpfen wir die Rehe aber nicht mehr mit diesen indirekten Methoden sondern direkt beim Fressen. Dazu besprühen wir die Reben mit einem sogenannten Repellent, dem Wildverbißmittel Trico.

    Das Besprühen der jungen Rebtriebe mit Trico ist für die Rehe völlig ungefährlich, macht aber die Reben für die Tiere äußerst unschmackhaft. Der Lerneffekt führt außerdem dazu, daß es doch einige Zeit dauert, bis ein Reh erneut versucht, Rebtriebe zu fressen, was auch unbehandelte Weinstöcke in gewissem Umfang vor Fraß schützt.

    Je nach Wachstumsgeschwindigkeit der Reben und Witterung reichen ein oder zwei Behandlungen (im Abstand von zwei bis drei Wochen) aus, um die jungen Triebe durch die gefährliche Phase zu bringen. Sind sie Triebspitzen erst einmal weit genug nach oben gewachsen, knabbern die Rehe nur noch vereinzelt an den Blättern. Und das können wir verschmerzen.

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    Thema: Reben und ihre Pflege

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    2 Kommentare

    1. […] so schön in Bernhard Fiedlers Weinblog im Artikel über den Wildverbiß von Rehen nachzulesen ist, gibt es Tiere, die man als Winzer gerne von seinen jungen Weintrieben fern halten […]

    2. […] 30. April 2009 |  Autor: bf Das Weinjahr 2009 fängt gut an. Anders als in den letzten Jahren haben wir heuer bisher keine nennenswerten Schäden durch Rehe zu verbuchen und angesichts der […]

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