Selbstzweifel

Samstag, 11. Dezember 2010 |  Autor:

Haider 131 komprimiert

Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, mit welcher Selbstsicherheit manche private und professionelle Weinfreaks von ihren Verkostungseindrücken berichten. Und welch absolute Gültigkeit sie Weinbeschreibungen und -bewertungen zubilligen.

Mit großer Ernsthaftigkeit diskutieren sie minimale Bewertungsdifferenzen von ein oder zwei Punkten (von hundert möglichen), identifizieren unterschiedliche Verfassungen von zwei Flaschen des gleichen Weines auch wenn diese in mehrwöchigem Abstand getrunken wurden und diagnostizieren millimetergenau „Verschlußphasen“ eines Weines während der Flaschenreife.

Ein Klassiker ist dabei auch das Thema Flaschenfehler. Nicht erst einmal habe ich erlebt, dass in Verkostergruppen ein einziger einen Wein reklamiert. Und dass auch wenn der (vermeintliche) Fehler für die Mehrzahl der Koster noch so wenig nachvollziehbar war – oh Wunder – die zweite Flasche immer fast allen deutlich besser geschmeckt hat.

Obwohl ich meine (und hin und wieder sogar darin bestärkt werde) auch ein durchaus passabler Verkoster zu sein, ist mir ein derartiges sensorisches Selbstbewußtsein fremd.

Das liegt vielleicht daran, dass ich unsere eigenen Weine gut genug kenne, um bereits des öfteren Geschmacksunterschiede festgestellt zu haben, die eindeutig nicht im Glas, sondern auf meinem Gaumen stattfanden. Nicht zuletzt deshalb suche ich den Grund für eine veränderte Wahrnehmung mindestens ebenso oft bei mir selbst wie beim verkosteten Wein.

Auch bei gutem Training sind unsere Sinnesorgane nämlich keine unbestechlichen Präzisionswerkzeuge. Zeitpunkt und Ort einer Probe, die Verkostungsreihenfolge aber auch das persönliche Befinden und vieles mehr beeinflußen unsere Wahrnehmung weit stärker, als manche offenbar wahrhaben wollen.

Gerade dann, wenn minimal unterschiedliche Flaschenverfassungen konstatiert werden, ist wohl nicht selten auch ein gewisses Maß an (Auto-)Suggestion im Spiel. Natürlich empfindet man eine Gegenprobe anders, wenn sie von jemandem, den man für kompetent erachtet als anders präsentiert wird.

Dabei wäre es gerade in solchen Fällen sehr einfach, die wahre Ursache festzustellen: Indem man nämlich nicht nur die beiden (echt oder vermeintlich) unterschiedlich schmeckenden Weine nebeneinander probiert, sondern von einem der beiden ein zweites Glas dazustellt (und natürlich blind verkostet).

Dieser sogenannte Dreieckstest hebt die Voreingenommenheit auf und macht klar, ob der Unterschied tatsächlich schmeckbar ist, oder nur eingebildet war.

Ersteres ist dann der Fall, wenn es einem (am besten mehrmals hintereinander in unterschiedlichen Glaskonstellationen) gelingt, die beiden Gläser mit dem gleichen Inhalt zu identifizieren.

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Thema: Im Glas und drumherum

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4 Kommentare

  1. 1
    Charlie 

    von 50 möglichen Punkten, nicht 100.

  1. […] etwas Besonderes. Dementsprechend will man nicht ein individuelles, immer wieder auch von meinen Selbstzweifeln relativiertes Urteil abgeben, sondern eine sensorische Beschreibung, welche, wie in früheren […]

  2. […] weshalb diese Kurzzusammenfassung auch erst heute erscheint. Meiner Neigung zum sensorischen Selbstzweifel konnte ich aber trotzdem Ausdruck verleihen, und mit dem Beitrag Von der Traube zum Weißwein, Teil […]

  3. […] Eine für mich mindestens ebenso wahrscheinliche Ursache ist aber auch die bei aller Professionalität nie auszuschaltende “menschliche Komponente”. […]

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