Jahrgangsorakel

Sonntag, 9. August 2015 |  Autor:

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Ein Rekordsommer wie der heurige, dessen Hitzewellen sich nicht mehr zählen lassen, ruft natürlich alle möglichen Weinjahrgangsorakel auf den Plan.

Viel Sonne ist immer gut für den Wein, meinen die einen, und rufen bereits einen Jahrhundertjahrgang aus. Hitze und Trockenheit machen die Qualität zunichte und werden uns säurearme, alkoholüberladene Weine bescheren, unken die anderen.

Beides falsch, beides zu früh, wissen die, die wirklich Ahnung von der Materie haben.

Auch wenn Juni, Juli und der bisherige August außergewöhnlich heiß und (wie auch schon das Frühjahr) beängstigend trocken waren, stehen fast alle unsere Reben nämlich geradezu verblüffend gut da. Deutlich sichtbare Trockenschäden in Form von welken, gelben Blättern und schlaffen Trauben sind (von zwei, drei lokal sehr begrenzten Einzelfällen abgesehen) ebensowenig zu finden wie ein Stillstand der Traubenentwicklung oder Anzeichen von Notreife.

Trotz zwar kurz gehaltener, aber nicht umgebrochener Bodenbegrünung und nach dem guten Blüteverlauf durchaus gutem Traubenbehang sind die Reben im Juni und Juli kräftig gewachsen und zeigen immer noch sattgrünes Laub. Kein Vergleich mit dem im Juli ähnlich heißen und trockenen 2013er, über den ich damals dieses Video gedreht habe.

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Das liegt einerseits wahrscheinlich daran, dass wir uns seit vielen Jahren um gesunde, vitale Weinstöcke und einen humusreichen, lebendigen Boden bemühen. Andererseits haben wir natürlich in den letzten Wochen versucht, mit unserer Arbeit im Weingarten der Hitze entgegenzuwirken:

Kein Entblättern der Traubenzone auf der Sonnenseite. Etwas stärkeres Einkürzen der Laubwand, um den Wasserverbrauch der Reben zu reduzieren. Niedriges Mähen der Begrünung und etwas intensiveres mechanisches Offenhalten des Bodens unter den Reben um mehr Wasser im Boden zu halten. Beimischen von Blattdüngern zum Pflanzenschutz, um der trockenheitsbedingt gebremsten Nährstoffaufnahme über die Wurzeln entgegenzuwirken. Und natürlich situationsangepaßtes Ausdünnen des Traubenbehanges um die Stöcke zu entlasten.

Darüber hinaus haben die minimalen Regenmengen, die in den letzten Wochen vereinzelt gefallen sind offenbar doch mehr bewirkt, als erwartet. Einmal waren es wenigstens ein paar Liter pro Quadratmeter für die Wurzeln und ein paar Mal waren zumindest die Blätter längere Zeit benetzt und dadurch aufgefrischt.

Selbst die im Vorjahr gepflanzten Veltliner-Reben, die wir wegen des ungewöhnlich guten Wachstums schon heuer, also ein Jahr früher als üblich, nach oben gezüchtet haben, halten sich auf ihrem kargen Boden immer noch recht gut (wobei wir in diesem Sonderfall schon im Frühjahr alle Trauben entfernt haben).

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Trotzdem ist natürlich nicht alles eitel Wonne und ein Regen samt Abkühlung wäre dringend notwendig. Ohne Wassernachschub in den nächsten ein, zwei Wochen könnte eine Art Notreife der Trauben einsetzen und uns eine geringe Erntemenge mit kleinbeerigen, säurearmen aber deshalb nicht zwangsläufig besonders zuckerreichen Trauben bescheren. Für die Weißweine wäre das schlechter als für die Roten.

Regnet es bald und bleibt heiß, würden die Trauben wohl „richtig“, aber recht schnell reifen. Kräftige, konzentrierte Weine aus kleinen Beeren wären die Folge, eher niedrig in der Säure aber mit viel Farbe und Tannin bei den Rotweinen.

Brächte ein baldiger Regen jedoch auch eine deutliche Abkühlung, insbesondere in den Nächten, würde ich eine Entwicklung wie 2013 (immer noch) nicht ausschließen: Kleinbeerige Trauben mit fein ausgereifter Aromatik und ein lebendiges Säurespiel bei kräftiger Struktur für weiß und rot.

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Thema: Dauerthema Wetter

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Ein Kommentar

  1. […] es bei meinem vorigen Beitrag über den heurigen Jahrgang schon etwas zu dunkel zum Fotografieren war, möchte ich hier ein par aktuelle Ausnahmen aus […]

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