Zwischen den Stühlen

Samstag, 17. Dezember 2016 |  Autor:

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Wie in (fast) allen Lebensbereichen gibt es auch im Weingeschmack Trends und Moden. In Österreich zählte zum Beispiel bis in die 1980er-Jahre überwiegend die Menge, und wenn es auf den Geschmack ankam, dann war auch dabei Masse gefragt. Intensives Aroma von Muskat, Müller-Thurgau und Traminer, kräftiger Alkohol und deutliche Restsüße.

Erste Veränderungen waren schon ab Anfang der 80er vereinzelt wahrnehmbar, aber erst der Weinskandal 1985 brachte eine regelrechte Zäsur im österreichischen Weinstil. Süße und übermächtiger Alkohol war plötzlich weitgehend verpönt und quasi als Überreaktion auf den Skandal waren dünne Wässerchen mit unreifer Säure en vogue.

Trotz solcher Irrwege war diese Zeit extrem spannend und lehrreich. Alles war in Bewegung, vieles möglich, und ich gerade dabei das Weinverkosten zu erlernen.

Spätestens Anfang der 1990er „normalisierte“ sich der Stil der Weißen, und trockene, ausgewogen-elegante Weine aus reifem, aber nicht überreifem Traubenmaterial beherrschten das Bild. Bei den Roten waren die gravierendsten Meilensteine zur Qualitätsverbesserung (Ertrag, Gärmethoden, Säureabbau) gemeistert und die Feinabstimmung voll in Gang.

In dieser Zeit haben wir – meine Eltern und ich – in Sachen Wein zu uns gefunden, erst bei den Weißweinen und mit etwas Zeitverzögerung auch auch bei den Roten. Wir lieben elegante, „leise“ Weine.

Seither versuchen wir im wesentlichen diesem, unserem stilistischen Ideal so nahe wie möglich zu kommen, ganz egal welche Herausforderungen der Jahrgang auch mit sich bringt. Dabei sind wir natürlich nicht stehen geblieben. Um wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben, aber auch weil es ein spannender Teil des Berufes ist, muss man als Weinbauer mit Veränderungen umgehen können.

Und geändert hat sich viel in den letzten Jahren, sehr viel. Immer kräftiger wurde die Weinmode, intensiver, alkoholischer und gerne auch ein paar Gramm restsüß (was das moderne Bezeichnungsrecht als „trocken“ durchgehen läßt). Weine mit 14, ja 15 Prozent Alkohol sind seit ein paar Jahren im Premiumbereich keine Seltenheit, und daran ist nicht (nur) der Klimawandel schuld.

Wäre ich polemisch, würde ich sagen, der medial überwiegend transportierte Weinstil ist dem der frühen 80er-Jahre nicht unähnlich, wenngleich natürlich auf wesentlich höherem Qualitätsniveau. Und als ob sich die Geschichte tatsächlich als Farce wiederholen würde, gibt es auch schon eine Gegenreaktion: Hellfarbig, karg und säuregeprägt kommt die neue Rotweinavantgarde ins Glas, von Tertiär- statt Traubenaromen dominiert und anstrengend der  maischevergoren-gerbstoffige Weißweinzeitgeist.

Meine Sache ist weder der neue Mainstream noch die elitäre Nische. Also habe ich zwar manches ausprobiert (und werde das natürlich auch weiterhin tun), nutze es aber – wenn überhaupt – nur um meinen Stil, mein Verständnis von Eleganz noch pointierter in die Flasche zu bringen.

Unsere Weine sind nicht von überreif-kitschiger Frucht und massivem Holzeinsatz geprägt, nicht von üppig-alkoholischer Süße und anstrengender Imposanz. Sie sind aber auch nicht minimalistisch-rauh, voller (pseudo-)intellektueller Ecken und Kanten, die mir den Trinkgenuss letztlich genauso verleiden wie 15 Prozent Alkohol. Ich bin überzeugt, dass Potential und Trinkvergnügen, Tiefgang und Eleganz, Herkunftstypizität und Harmonie keine Gegensätze sind.

Spektakulär ist dieser balancierte Mittelweg natürlich nicht, und dementsprechend fällt auch oft die Beurteilung in den Weinmedien und unter Weinfreaks aus: Meist sehr gute Beschreibungen von Weingut und/oder Weinen, als Fazit aber fast immer nur brave Punkte im soliden Mittelfeld. Aktuell zum Beispiel im (von mir durchaus geschätzten) Guide Gault Millau:

„Bernhard Fiedler…führt das…Weingut…in Mörbisch in einer stimmigen Kombination aus moderner Technik und traditionellen Verfahren. Seine ausgewogenen, klar strukturierten Weine haben stets große Eleganz. Sie gehören nie zu den lauten in der Region, sondern vereinen vielmehr Finesse mit Charakter.“

Treffender und besser geht kaum. Und dann folgen mehrmals solide 16,5 und 16 Punkte für die Weine, während Vertreter beider oben erwähnter Extreme 18 und mehr einheimsen…

Früher hat mich so etwas geärgert. Rein persönlich, nicht weil es den Verkauf unsere Weine betrifft, der spielt sich ohnehin weitgehend außerhalb der Weinfreaks im engeren Sinne ab. Mittlerweile bin ich aber lange genug Teil des Weinzirkus um die Show und ihre Mechanismen zu verstehen. Und mich zwischen den Stühlen eigentlich recht wohlzufühlen…

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Thema: Verkauf und Marketing

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