23 Jahre jung

Samstag, 1. November 2008 |  Autor:

Prognosen sind immer schwierig

Auch wenn es gewisse Grundregeln gibt, an die man sich halten kann, sind Prognosen über die Lagerfähigkeit von Weinen oft eine ziemlich vage Sache.

Das liegt zu einem kleinen Teil auch daran, dass die Geschmacksvorlieben bei gereiften Weinen noch viel viel weiter auseinandergehen, als bei jungen. Was für Altwein-Freaks am Beginn der Trinkreife steht und ein besonderes Erlebnis bedeutet, ist für die in Österreich besonders große Gruppe der Jungwein-Fanatiker in der Regel schon weit über dem Berg und völlig untrinkbar.

Während Weißweine tendenziell eher unterschätzt werden (vielleicht weil sie sich aromatisch während der Reife stärker wandeln?), billigen manche Kellermeister (nicht ganz uneigennützig) und auch Meinungsmacher Rotweinen nicht selten mehr Potential zu, als sie tatsächlich haben. Zum Glück kommt man aber als Lagerfähigkeits-Vorhersager relativ selten in die Verlegenheit, nach Jahren und Jahrzehnten für seine Thesen den Wahrheitsbeweis antreten zu müssen.

Auch beim folgenden Wein gehe ich nicht davon aus, dass sich jemand beschwert, weil wir ihm empfohlen haben, ihn spätestens 1987 zu trinken. Das wir noch ein paar Flaschen davon im Keller haben hat rein sentimentale Gründe und liegt nicht daran, dass wir ihm mehr zugetraut hätten.


Welschriesling 1985

Die Story

In der Geschichte unseres Weingutes stellt der Welschriesling 1985, der Premierenjahrgang der Gemeinschaftsmarke Mörbischer Opernballwein, einen wichtigen Meilenstein dar.

Noch vor dem Bekanntwerden und der monatelangen medialen Aufbereitung dieses Ereignisses entstand in Mörbisch unter Mitarbeit meines Vaters ein Konzept für einen hochqualitativen und „modernen“ (sprich: leichten und trockenen) Weintypus, den jeder Weinbauer in Eigenregie aber mit gemeinsamer Qualitätskontrolle und einheitlicher Ausstattung vermarkten sollte.

Für alle teilnehmenden Betriebe war das eine echte Herausforderung, eine neue Dimension in Sachen Weinqualität. Auch die Vermarktung war für die damalige Zeit geradezu revolutionär. Über die in diesen Jahren gemeinsame Verwaltung von Seefestspielen und Staatsoper gelang es, den Markennamen „Opernballwein“ zu etablieren und das Image dieser Veranstaltung zu nützen. Dementsprechend exklusiv war auch der Preis für eine 0,7l-Flasche: 70 Schilling (ca. 5 Euro), in der Regel mehr als das Doppelte des nächstbilligsten Weines der Betriebe.

Auch wenn mein Vater (und davor meine Groß- und Urgroßväter) schon vor 1985 gute Weine gekeltert hat: Mit dem ersten Opernballwein hielten viele Qualitätsmaßnahmen entweder überhaupt erst Einzug in unsere Weingärten und in unseren Keller oder wurden zumindest wesentlich konsequenter umgesetzt.

Da der Erfolg sehr rasch sichtbar wurde, als sich der Opernballwein deutlich von den anderen Weinen im Keller abhob, übertrug mein Vater die neuen Ideen innerhalb weniger Jahre auf alle unsere Weine. Der „Vorsprung“ des Welschrieslings ging dadurch zwar verloren, für die Entwicklung unseres Weingutes war dieser Schritt aber enorm wichtig.

In dieser Phase haben wir unseren Weißweinstil gefunden, dem wir bis heute mit nur kleinen Abwandlungen und dem ständigen Versuch, ihn weiter zu verfeinern treu geblieben sind. Das wir der Gemeinschaftsmarke „Opernballwein“ nach zehn Jahren aus verschiedenen Gründen den Rücken gekehrt haben und seit 2006 wie hier berichtet keinen Welschriesling Qualitätswein mehr abfüllen schmälert die Bedeutung dieses Weines in keinster Weise.

Der Wein

Leichte, trockene Weine gelten (in der Regel zurecht) als nicht besonders lagerfähig. Vor allem wenn es sich um wenig aromatische Sorten handelt macht die jugendliche Frische ihren Hauptreiz aus und sobald sich diese nach ein bis drei Jahren verflüchtigt hat, wirken die Weine meist müde und ausdruckslos.

Auch an unserem Welschriesling Opernballwein 1985, einem trockenen Wein mit elf Prozent Alkohol ist die Zeit natürlich nicht spurlos vorübergegangen. Jungweinfetischisten, die jetzt schon nach dem Jahrgang 2008 lechzen hätten ganz sicher keine Freude mit ihm.

Steht man dem Thema Wein aber etwas offener gegenüber, braucht man nicht bemüht Ehrfurcht vor dem Alter zu zeigen und konstatieren, dass er für 23 Jahre auffallend frisch wirkt. Nein, der Wein schmeckt tatsächlich gut, speziell zum Essen!

Im Duft zeigt sich die Reife mit deutlichen, aber angenehmen Honig- und Karamelnoten, dahinter meint man aber, auch noch einen Hauch von jugendlicher Frucht erhaschen zu können, die beim Welschriesling auch in jungen Weinen wenn überhaupt nur sehr dezent ausgeprägt ist.

Die größte Überraschung erlebt man aber am Gaumen. Anders als viele Weine dieses Alters und Typs präsentiert sich unser Welschriesling nicht dünn, zerfahren und von der Säure unangenehm dominiert. Auch wenn er natürlich schlank und nicht besonders ausdrucksstark wirkt, zeigt er eine auffallende Harmonie von Alkohol, Körper, Säure und Aroma.

Ein großer Wein ist er damit natürlich nicht. Und vor 22 Jahren wäre er mir wohl (noch) lieber gewesen, als heute. Aber er ist auch nach 23 Jahren ein spannendes, ein gutes Glas Wein. Und das ist weit mehr, als man erwarten durfte.

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Thema: Im Glas und drumherum

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2 Kommentare

  1. 1
    Helmut 

    Hallo Bernhard,

    alles Gute vergeht und Neues wächst nach. Schön, wenn sich ein guter Jahrgang natürlich festhalten lässt. Genau das ist es was für mich dem besonderen Reiz am Wein ausmacht. Wenn man abends gemeinsam beim brennenden Kaminofen eine Flasche öffnet und die Gedanken zurück zum Geburtstag des Weines fliegen. Dieses Innehalten, dieser Blick zurück durch Erlebnisse und Besonderheiten jenes Jahres.

    Schön ist es wenn, dann die Lust zum Gestalten des neuen Jahres aufzukeimen beginnt.

    Es ist nett, dass Du das in Deinem Artikel so treffend geschildert hast.

    Gruß

    Helmut

  1. […] gibt aber auch immer wieder grandios gereifte Weine, die diesen Regeln komplett widersprechen. Hier habe ich schon mal über einen solchen geschrieben, und unlängst hat uns unser Neuburger 1990 […]

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