Vereinsmeierei (Teil 4)

Samstag, 10. Februar 2007 |  Autor:

Die Gremlins in den Gremien

Halböffentliche und der (Partei)politik nicht ganz ferne Institutionen und Verbände haben offensichtlich unabhängig von der Branche ähnliche Gesetzmäßigkeiten.

Wie der Weinviertelblog-Beitrag von Romana über ihre Beinahe-Karriere in der Weinbaupolitik hier und die Äußerungen von Günther Jauch über die Gremien voller Gremlins der ARD hier zeigen, ist es für eigenständig denkende Quereinsteiger nicht immer leicht, diese zu verstehen oder gar zu akzeptieren. Auch mir will das nur sehr selten gelingen.

Kein Wunder, schließlich sind jene, die den Mut haben, auch einmal anders zu denken und das auch noch zu sagen in den meisten Gremien recht rar gesät. Günther Jauch charakterisiert die verschiedenen Funktionärstypen mit den Worten Irrlichter, Profilneurotiker und Wichtigtuer.

Nach meinen Erfahrungen lassen sich die meisten Funktionsträger einer oder zwei der folgenden Kategorien zuordnen. Zu welcher ich gehöre darf sich jeder selbst ausmalen.

Der Multifunktionär

Gut verankert in zahllosen Gremien und politischen Netzwerken ist der Multifunktionär in der Regel einer der „Macher“ eines Gremiums. Dabei spielt er seine Macht mehr oder weniger subtil aus und trachtet unter allen Umständen danach, das Ruder in der Hand zu behalten. Schließlich weiß er als altgedienter Funktionsträger, daß nichts gefährlicher ist, als unkonventionelle Ideen, deren Ergebnisse nicht abzusehen sind und die deshalb für ihn unkontrollierbar sein könnten.

Solche Ansätze läßt er deswegen entweder gar nicht aufkommen oder er legt ihnen mehr oder weniger subtil alle möglichen Stolpersteine in den Weg um anschließend zu behaupten, daß er immer schon gewußt habe, das daraus nichts werden kann. In den seltenen Fällen, in denen es ihm nicht gelingt, eine dieser beiden Strategien anzuwenden übernimmt er die Idee, um sie anschließend bis zu einer Unkenntlichkeit zu verwässern, die ihm nicht mehr gefährlich erscheint.

Beliebte Argumente dabei sind der notwendige breite Konsens, die Rücksichtnahme auf den kleinen Mann und die Abfederung von Härtefällen. Letztere sind vor allem im Vorfeld von anstehenden politischen Wahlen beliebt.

Der Wichtigtuer

Er redet viel und sagt wenig. Und wenn er eine eigene Meinung hat, dann schafft er es meist erfolgreich, diese gut zu verbergen. In langen, nicht endenwollenden Wortkaskaden gelingt es dem Wichtigtuer mitunter in einem Satz erst das Eine und dann das genaue Gegenteil zu vertreten.

Damit ist der Wichtigtuer ein beliebtes und willfähriges Werkzeug des Multifunktionärs. Er lehnt keine Führungsposition ab und läßt sich recht leicht aus dem Hintergrund instrumentalisieren.

Der Eigennützige

Der Eigennützige betrachtet seine Funktion primär als Möglichkeit, sich selbst einen (Wissens)vorteil zu verschaffen. An Sitzungen, deren Tagesordnung aus dieser Sicht wenig vielversprechend ist, nimmt er nur sehr selten Teil. Dementsprechend oft ist er nicht anwesend, und wenn er doch da ist, verfolgt er zwar aufmerksam das Geschehen, trägt aber selbst nichts bei und meldet sich kaum zu Wort.

Der Gestreßte

Auch der Gestreßte fehlt bei vielen Sitzungen und wenn er doch kommt, dann fast immer zu spät. Schließlich hat er so viele Verpflichtungen und Termine, wie auch das immer wieder läutende Handy belegt.

Trotzdem trägt dieser bedauernswerte Zeitgenosse immer wieder einzelne Elemente zur Diskussion bei. Da ihm aber eine koordinierte Mitarbeit über einen längeren Zeitraum offenbar nicht möglich ist, bleibt das Ergebnis oft Stückwerk.

Der Schweiger

Wie der Eigennützige verfolgt auch der Schweiger fast jede Diskussion mit stoischer Ruhe. Er meldet sich selten zu Wort, aber wenn, dann in der Regel mit einem durchwegs fundierten Statement, dem man kaum widersprechen kann. Mit dieser Vorgangsweise ist der Schweiger gut im Abschließen von (zu) langen Diskussionen. Einen kreativen Input der zum Entstehen neuer Ideen führt, liefert er damit jedoch nicht.

Der Unauffällige

Er hat sein Amt, weil er bei der Nominierung nicht nein sagen konnte oder wollte. Demgemäß arbeitet der Unauffällige bei jedem Thema pflichtbewußt mit, exponiert sich aber nur selten und orientiert sich an den Meinungsführern. Mit dieser Strategie ist er auf dem besten Weg eines Tages als allseits anerkanntes und verdientes Mitglied seiner Zunft geehrt zu werden.

Der Querulant

Nicht immer gelingt es dem Multifunktionär und dem Wichtigtuer schon im Vorfeld zu verhindern, daß ein Querulant in ein Gremium nominiert wird. Der Querulant ist selten da, aber wenn, dann ist er immer für einen Eklat gut. Er vertritt fast immer das Gegenteil der Mainstream-Meinung, was gelegentlich etwas Bewegung in die verknöcherten Strukturen bringt. Nicht selten sind seine Positionen aber so wenig nachvollziehbar, daß es auch dem wohlmeinendsten Kollegen schwer fällt, ihm zu folgen.

Der Besserwisser

Eng verwandt mit dem Querulanten weiß auch der Besserwisser an fast allen Vorschlägen etwas auszusetzen. Im Unterschied zum Querulanten, der dabei meist eigene, wenn auch nicht immer nachvollziehbare Vorschläge einbringt, bleibt der Besserwisser diese in der Regel schuldig. So ist er davor gefeit, das Opfer eines anderen Vertreters seiner Spezies zu werden.

Der Idealist

Der Idealist strebt seine Funktion in einem Gremium ebensowenig an, wie der Unauffällige. Wird ihm aber eine Funktion angeboten, fühlt er sicht verpflichtet diese auch nach bestem Wissen und Gewissen als Dienst an der Gemeinschaft auszuüben. Dabei ist er der naiven Ansicht, positive Veränderungen bewirken zu können indem er seine eigenständige, meist wohl durchdachte und nicht immer dem Mainstream entsprechende Meinung vertritt.

Früher oder später wird der Idealist aber von der Realität eingeholt und mutiert in Folge entweder zum Realist oder zum Resignateur. Dieser Prozeß geht selten ohne eine gewisse Frustration von statten.

Der Realist

Der Realist weiß von der ermüdenden und zermürbenden Trägheit der Gremien. Entweder weil er weitsichtig genug war, bevor er seine Funktion übernommen hat, oder weil ihn die Mühen des Verbandsalltags vom Idealisten zum Realisten reifen haben lassen.

Um der latenten Gefahr vorzubeugen, zum Resignateur zu werden, hat er seine Taktik an die Vorgangsweise des Multifunktionärs und des Wichtigtuers angepaßt. Sein Instinkt bewahrt ihn meist davor, seine Kräfte dort zu vergeuden, wo er ohnehin keinerlei Veränderungen bewirken kann. Und sein Intellekt veranlaßt ihn, die gesparten Kräfte dort massiv zum Einsatz zu bringen, wo eine Veränderung in seinem Sinn möglich oder unumgänglich erscheint.

Diese Vorgangsweise ist mitunter durchaus wirkungsvoll, aber auch äußerst kraftaufreibend. Der Realist unterliegt deshalb einem Erschöpfungsprozeß, der ihn meist nach ein oder zwei Funktionsperioden zum Rückzug zwingt.

Der Resignateur

Idealist und Realist sind ständig in Gefahr, vom Trägheitsmoment der Gremien zum Resignateur transformiert zu werden. Da sie vom Multifunktionär und vom Wichtigtuer ob ihrer eigenständigen Meinung und dem Mut diese auch zu vertreten als Bedrohung gesehen werden, unterstützen diese den Transformationsprozeß nach Kräften.

Der Resignateur stellt nämlich keinerlei Gefahr mehr dar. Er erspart sich viele Sitzungen und wenn er da ist, sitzt er ruhig seine Zeit bis zum Ende der Funktionsperiode ab, um danach dem Gremium für immer den Rücken zu kehren. Das hin und wieder aufflackernde Bestreben, seine eigene Meinung zu vertreten ist in der Regel harmlos und nur von kurzer Dauer.

Die erfolgreiche Autorität aus der Praxis

Sie verbindet den Weitblick des Idealisten mit dem Machtbewußtsein und dem Durchsetzungsvermögen des Multifunktionärs und wäre eine echter Lichtblick in zahlreichen Gremien. Die (wirtschaftlich und persönlich) erfolgreiche Autorität aus der Praxis wird nämlich auch vom gestandenen Multifunktionär geachtet (und/oder berechtigterweise gefürchtet).

Leider ist sie sehr sehr selten in den Gremien zu finden. Schließlich sie sich außerhalb der gemeinnützigen Verbände längst ihr eigenes Netzwerk geknüpft und hat es daher nicht notwendig (und fühlt sich auch nicht dem Gemeinwohl verpflichtet, wie der Idealist), sich in traditionellen Gremien zu engagieren.

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Thema: Kunterbunte Weinwelt

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3 Kommentare

  1. […] das mehr oder weniger plumpe Abwehrfeuer der Agrarlobby einstimmen möchte. Dafür stehe ich vielen Funktionären viel zu kritisch gegenüber. Und ich schäme mich auch nicht dafür, von der Allgemeinheit […]

  2. […] die ursprünglichen Verbotspläne nun offenbar doch nicht umgesetzt werden. Anders als für manche Funktionäre und die Kronenzeitung hätte aber für mich auch ein Verbot (bei weiterer Zulassung von RTK) nicht […]

  3. […] in diesem Zusammenhang auch die Beiträge “Vereinsmeierei” Teil 1, 2, 3, 4 und […]

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