Weinbäuerin mit Leib und Seele

Mittwoch, 14. Januar 2009 |  Autor:

Oma Sommer

Meine Sommer-Oma ist Weinbäuerin mit Leib und Seele. Schon in frühester Jugend arbeitete sie fleißig im Weingarten und auf den Feldern mit. Dabei hatte es am Anfang gar nicht gut ausgesehen, als sie 1922 während der Weinlese als Frühgeburt auf die Welt gekommen war. Die Hebamme meinte damals zu ihren Eltern, dass die kleine Susanna wohl nicht lange leben werde.

Aber meine Oma war offensichtlich auch schon als Kind ausdauernd und stand ihren beiden Brüdern und ihrer Schwester in nichts nach. Ihre besondere Liebe galt den Pferden, und weil diese ihre Aufmerksamkeit erwiderten, durfte sie schon früh den Pferdewagen lenken und andere Arbeiten durchführen.

Spätestens als ihre beiden Brüder in den zweiten Weltkrieg ziehen mußten, wurde aus dem „dürfen“ ein „müssen“ und sie stand ihren Mann. Und als beide Brüder im Krieg starben, wurde sie zur Betriebsführerin, obwohl sie eigentlich gerne Diakonissenschwester geworden wäre.

Auch nach dem Krieg schienen die Schicksalsschläge kein Ende zu nehmen. Aber wie ein Fels in der Brandung stand meine Oma sie alle durch: Die angeschlagene Gesundheit ihres Mannes, den Tod eines Buben kurze Zeit nach der Geburt und die schwere Erkrankung ihrer Tochter, die Ingrid bis heute beeinträchtigt.

In den späten 1950er-Jahren brachen dann endlich auch für meine Großeltern bessere Zeiten an, und ihr Fleiß machte sich langsam bezahlt. Auch wenn es ihnen sicher nicht leicht fiel wurde vom Zugpferd auf den Traktor umgestellt und mehr und mehr Ackerflächen wurden mit Reben bepflanzt, bis aus einer gemischten kleinen Landwirtschaft ein reiner Weinbaubetrieb wurde.

Wie von frühester Jugend an gewohnt, war sie auch bei den „Männerarbeiten“ im Weingarten immer mit dabei. Natürlich führte sie auch ihren Haushalt und betreute Kinder und später uns Enkelkinder. Aber richtig glücklich war sie, wenn sie draußen arbeiten konnte.

Trotzdem ging ihr auch die Betreuung ihrer Gäste gut von der Hand, sowohl bei der Vermietung der in den 70ern errichteten Gästezimmer als auch im intensiven Ab-Hof-Weinverkauf. Während mein Opa die Weine vorstellte (und dabei nicht selten die Trinkfestigkeit seiner Kunden testete), sorgte meine Oma für teils selbstgemachte kalte oder warme Verpflegung.

Als mein Opa krankheitsbedingt manche Arbeiten nicht mehr leisten konnte, übernahm sie auch viele seiner Aufgaben. So fuhr sie schließlich jahrelang unfallfrei mit dem Traktor, ohne jemals einen Führerschein besessen zu haben.

Mitte der 1980er-Jahre, mit über 60, wollte sie noch höher hinaus und bestieg zum ersten Mal in ihrem Leben ein Flugzeug. Sie, die geboren wurde, als Fahrräder noch eine Seltenheit waren, die geheiratet hat, als Automobile in ihrer Umgebung noch als Rarität galten und die (bzw. deren Mann) nie ein Auto besaß, begleitete mich jungen Burschen auf einem Österreich-Rundflug. Jahre später flog sie dann übrigens sogar mit meinen Eltern nach Lanzarote.

Das Liebste war ihr aber trotz allem weiterhin die Arbeit in der Natur. Und als sie meinen kranken Opa und ihre Schwester pflegte, und nur mehr selten in die Weingärten konnte, hat sie sich die Natur ins Haus geholt und ihren großen Innenhof in ein Blütenmeer verzaubert. Kaum jemand ging an ihrem Haus vorbei, wenn das Tor offen stand, ohne ihre Fuchsien, Oleander, Geranien und sonstigen Blumen zu bewundern.

Ihr Interesse am Weinbau aber blieb. Auch nach ihrem 80. Geburtstag half sie noch gelegentlich mit, z.B. junge Reben mit Stroh aufzubinden. Und jeder auch noch so beiläufige Bericht über die Fortschritte der Weingartenarbeiten wurde von ihr registriert. Nicht selten hatte sie mehr Überblick darüber, welche Weingärten mein Vater und ich schon geschnitten hatten, als meine Mutter.

Positive Weinleseberichte haben sie besonders gefreut. Oft hat sie die Erntemengen von einzelnen Weingärten schneller gut geschätzt, als ich sie ihr sagen konnte. Und wenn ich Leerflaschen aus ihrer Scheune geholt oder neu befüllte Flaschen in ihren Keller (der einen Teil unseres Flaschenlagers beherbergt) gebracht habe, wollte sie immer ganz genau wissen, wieviel wir von welcher Sorte abgefüllt haben.

Dabei war sie aber nicht nur auf die Weingärten und die Ernte, sondern auf die gesamte Weiterentwicklung unseres Weinbauernhofes stolz. Bestes Beispiel dafür ist unser Print-Newsletter „Die Weinpresse“. Obwohl seit einem guten Jahr gesundheitlich angeschlagen und sehbehindert, hat sie alle Ausgaben bis zur aktuellen im Dezember 2008 für den Postversand gefaltet und zuvor natürlich eingehend studiert und kommentiert.

Meine Sommer-Oma war eben immer eine Weinbäuerin mit Leib und Seele.

Bis gestern. Da ist sie gestorben.

Tags »   

Trackback: Trackback-URL | Feed zum Beitrag: RSS 2.0
Thema: Allgemeine Randnotizen

Diesen Beitrag kommentieren.

9 Kommentare

  1. 1
    Iris 

    Vielen Dank für diese einfühlsame Homage an Deine Großmutter, Bernhard. Ein hartes Leben, das von den schrecklichen Ereignissen des letzten Jahrhunderts geprägt war, wie das Leben meiner Elterngeneration, aber auch ein Bericht, der Mut macht. Ich verbeuge mich vor dieser alten Dame, die mir als Weinbäurin Mut macht und spreche Deiner ganzen Familie mein aufrichtiges Beileid aus.

  2. 2
    Fam. Brandscheidt-Kuchar 

    Deine Oma, Bernhard, war der liebste und ehrlichste Mensch den ich kennen und lieben durfte. Wir lernten uns kennen in den 50ger Jahren, zusammen mit Opa und Uropa. Ihr Haus war wie ein zweites Heim fuer mich. Als dann Opa krank wurde und auch die Schwester, betreute sie beide zusammen, was wohl ohne Elfi’s Hilfe gar nicht moeglich gewesen waere, aber wie schon geschrieben, sie machte alles durch ohne zu jammern, alles mit Liebe. Sie war der anstaendigste Mensch den ich je kannte und ich liebte sie und vertraute ihr vollstaendig. Mein letzter Besuch war wie immer herzlich, obwohl Sie schon selbst am leiden war, was mich sehr traurig machte, ich konnte fast nicht ansehen dass Sie litt und versprach fuer sie zu beten. Konnte selber dieses Jahr die Reise nach Oesterreich antreten weil ich selber ein Knie bekam, doch machte ich mir Sorgen weil ich nichts hoerte, doch war es ein Schock den Totenbrief zu erhalten, fuer den ich mich bedanke. Susie wird als Engel im Himmel sein, sie war im Leben auch ein Engel, der immer in meinen Herzen wohnen wird. Sie wird immer in unserer Erinnerung sein, sowie auch Opa. Wir haben auch unsere Erinnerungen auf Bildern die wir Jahrelange machten. Sie war nie alt in sich selbst, obwohl es das Alter hatte, sie war immer interessiert und jung im Herzen, so will ich sie in meinen Herzen halten. Gott hat sie erloest. In Liebe von Anny

  3. 3
    bf 

    Herzlichen Dank!

    Bernhard und die ganze Familie

  4. 4
    armin 

    ein sehr schöner nachruf, lieber bernhard.

    wünsche dir und den deinen viel kraft in diesen sicherlich schwierigen tagen.

    mit lieben, mitfühlenden grüßen
    armin

  5. 5
    Rene Kummer 

    Hallo Bernhard!

    War letzte Woche auf einer Messe in München und habe gerade (lese regelmäßig deinen Blog) von Eurem Schicksalsschlag erfahren. Bei den wenigen Kontakten zu Deiner Oma, hab ich Sie immer als liebevolle und herzensgute Frau wahrgenommen.
    Ich möchte Dir und Deiner Familie mein aufrichtiges Beileid aussprechen!
    LG Rene

  6. 6
    bf 

    Herzlichen Dank, Rene!

  1. […] ich noch bei einer vergleichsweise simplen traditionellen Mörbischer Spezialität zu, deren Rezept meine Oma für unsere Hauszeitung einmal folgendermaßen zu Papier gebracht […]

  2. […] wird uns der Jänner leider in trauriger Erinnerung bleiben. Am 13. ist nämlich meine Oma, eine Weinbäuerin mit Leib und Seele […]

  3. […] einen Beitrag abliefern zu können, erlaube ich mir auf ein einfaches, aber schmackhaftes Rezept meiner verstorbenen Oma aus einer älteren Ausgabe unserer Kundenzeitung […]

Kommentar abgeben